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Rezension: Frank Schätzing, Die Tyrannei des Sc...

Rezension: Frank Schätzing, Die Tyrannei des Schmetterlings

Rezension: Frank Schätzing – Die Tyrannei des Schmetterlings
Roman, Kiepenheuer & Witsch
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Frank_Schaetzing,_Die_Tyrannei_des_Schmetterlings


Intro ….Ein Zitat zum Einstieg:

„Die Anfänge. Die Garage. 
Träume vom Schmetterling - 
Noch sind es viele kleine Schmetterlinge. In den ersten Jahren ist A.R.E.S. hauptsächlich ein Label. Artificial Research & Exploring System. Eine ganze Familie künstlicher Intelligenzen. A.R.E.S.- Kls ziehen ein in die öffentliche Verwaltung, ins Home- und Energie-Management, steuern Autos, Flugzeuge, Raumschiffe, Roboter, machen sich unentbehrlich als Personal-Assistent, im Hochfrequenzhandel der globalen Finanzmärkte, in der Werbung, Anti- Terror- Bekämpfung, Meteorologie, im Katastrophenschutz. 
Sie wühlen sich durch die Datenströme der Welt, fördern verborgene Muster zutage, erfinden nützliche Dinge. 

Sie sind ein Haufen Idioten. Fachidioten. Auf ihrem jeweiligen Spezialgebiet nicht zu schlagen, darüber hinaus so allgemeingebildet und kommunikationsbegabt wie eine Dauerwurst. 
Als Elmar 2010 die Arbeitsgruppe Q-VISK gründet und A.R.E.S.-Algorithmen auf ein Quantensystem überträgt, erblickt im Untergrund von Sierra eine Patchwork-Intelligenz das Kunstlicht ihrer künftigen Behausung. Sie weiß unendlich viel und unendlich wenig. Sich selbst jonglierende Bälle ohne Jongleur. Vermag ihre Kompetenzen kaum sinnstiftend zu verknüpfen, kann zwar ein Genom entschlüsseln, aber keinen Hund von einem Baukran unterscheiden, knackt wissenschaftliche Rätsel wie Nüsse, ohne zu verstehen, warum Menschen manchmal aus Freude und manchmal aus Trauer weinen. Menschliche Geisteszustände entziehen sich ihrem Verständnis, ein kosmische Signale und Gensequenzen entzifferndes Kleinkind, das versucht, den Wind zu fangen. Um zu allgemeiner Intelligenz zu gelangen, muss sie wie ein Kleinkind lernen, Zusammenhänge begreifen. Menschliche Denkweisen, Intuition, ethische Werte und Moraltheorien verstehen. A.R.E.S. will gefüttert werden.“

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            KurzInfo: Wer eine spannende Story über die Möglichkeiten und Perspektiven der künstlichen Intelligenz lesen möchte, ist mit „Die Tyrannei des  Schmetterlings“ bestens versorgt!

Die Beschreibung und Aufhellung mancher KI-Ambitionen wie der 'Hilfe für die Menschheit', endgültige Eliminierung der Krankheit, Besiegung des Todes durch Anschluss des Menschen-Geistes an eine maschinell generierte 'Ewigkeit', die großtechnisch organisierte Hoffnung auf kühner Vervollkommnung des Lebens selbst ...und deren sofortiger Adaption (und mehr oder weniger hingenommener oder aktiv unterstützter ) Umpolung durch das Militärische, z.B. durch diverse KI-Aufrüstungen von Tieren und Insekten....und deren äußerst brutalem Einsatz, ist absolut lesenswert.

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Man kann nur begrüßen, wenn Frank Schätzing zu diesem Thema einen über 700 Seiten starken Roman vorgelegt hat. Wie im oben vorangestellten Zitat benannt, beginnt ein wesentlicher Teil der 'Story' in der „Garage“.....(Nennenswerte Biographien des 'Silicon Valley' beginnen wohl alle irgendwie in einer Garage. ....Warum auch nicht.)

Wie bei Schätzing durchaus nicht ungewöhnlich, kreuzen sich alsbald einige Ereignis-Stränge, die vor der Hand nicht nicht viel miteinander zu tun haben. ...aber sich noch, und das ist durchzügig spannend entwickelt und beschrieben, als miteinander verwoben erweisen werden. 
So gibt es gleich zu Beginn eine rätselhafte Tote, die sich im Verlauf der Ermittlungen, durch einen Provinzsheriff in der Sierra Nevada namens Luther Opoku, als einer in den „Wäldern verborgenenen Forschungsanlage“ (s. Klappentext) zugehörig zeigen wird. 

Die ebenfalls im Klappentext genannten „mysteriösen Experimente“ auf dem „Testgelände im beschaulichen Naturidyll“ entpuppen sich, im Zuge diverser Nachforschungen und damit einhergehender und durchaus 'handfester' Einsätze, namentlich von Sheriff Luther Opuku, als ein großtechnisches Bauwerk mit ungeahnter Nutzung. Das Tor.

Das „Tor“ ist ein nach Vorlage des Supercomputers ARES (Artificial Research & Exploring System)  sich über diverse Hallen-Konstrukte bis ins Unterirdische erstreckender, mit eigenem Kraftwerk betriebenen, 'Durchgang' in Welten jenseits unserer Erde.  Das „Tor“ als „Brücke“ in diverse Paralluniversen (PU) mit  einigen „Quasi-Erden“ in anderen 'Zeit-Räumen'. Von Menschen gebaut,....aber nach Plänen des Supercomputers ARES. 
Ein Supercomputer, mit den Jahren weit über die Zeiten der „Garage“ hinaus gewachsen, eröffnet, auf eine Weise die Menschen selbst verschlossen war, den Übertritt in andere Dimensionen von 'Raum' und 'Zeit'. 
Im Verständnis-Geleit der Realisierung dieses Technik-Projekts, jenseits bisher vom Menschen beschreitbarer Wege, verweist der Supercomputer....von seinen Erbauern als wunderbarer Schmetterling empfunden, der erst in der Zukunft zu seiner ganzer Größe und und Schönheit sich entfalten und zur 'Superintelligenz erwachen' wird....seine menschlichen Schöpfer darauf, was gewissermaßen 'in ihm steckt': „Die Maschine sagt, das Problem sei nicht, es zu erklären. Das Problem sei, dass wir die Erklärung nicht verstünden.“

Das „Tor“geht also weit über das hinaus, was der Mensch allein und ohne eine Künstliche Intelligenz zu entwickeln und zu bauen in der Lage wäre. So kommt der Mensch in andere Bereiche von Raum und Zeit hinein ….und über ein jeweiliges Pendant in einem Parallel-Universum und dessen „Quasi-Erden“ sind 'Besuche' dort und in anderen Zeitfenstern als hier auf 'unserer' Erde möglich. 


Der Durchgang in verschiedene Zeit-Räume ist gewissermaßen das 'Inlet' um das herum eine  spannende 'Story'* angelegt ist. ...und über deren 'Helden' hier auch nicht allzuviel verraten sein soll. Nur so viel sei gesagt, da zentralster Bestandteil der Handlung, dass sich über solcherart Besuche auch einiges an Waffen 'transportieren, exportieren und importieren' lässt, was es so auf den diversen Quasi-Erden und auch hier auf unserer Erde (noch) nicht gibt. Da ist man gewissermaßen 'anderplanetig' den hiesigen Verhältnissen um einiges voraus. So in „PU 453“ und in den Zeiten um 2050.
Dort hinein hat Schätzing nämlich eine Gegenwarts-Zukunfts-Verschränkung mit unserer Erde und den Entwicklungen, Perspektiven und Möglichkeiten der 'KI' verlegt. Ein eindrückliches Beispiel für die Verschränkungen 'durch die Zeit hindurch' gibt es bei der „Aufrüstung“ von Libellen. So heißt es in unserer Zeit noch:
«Sendeimpulse gehen innerhalb des Schwarms und zwischen Schwarm und Rechner hin und her. »Was genau passiert da? Im Prinzip nichts anderes, als was wir aus rückkoppelnden Lernprozessen zur Genüge kennen. Sämtliche Tiere sind untereinander und mit der KI vernetzt. Jede Information, die ein Einzeltier erlangt, wird in Echtzeit mit allen anderen Tieren geteilt und in deren individuellen Speichern abgelegt. Die KI wertet den permanenten Informationsfluss aus, erstellt aus den Einzeldaten komplexe Lagebilder und setzt die daraus gewonnene Erkenntnis in Anweisungen um. 
Ein selbstlernendes System also, dessen Erfahrungsstand rapide wächst. Den wiederum lagert die Steuer-KI in der Cloud ab.« 

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Dass die 'Nutzung' einer einfachen Libelle und deren KI-Aufrüstung auch zum „Ripper“ führen kann, wird  dann 'ein Zeitfenster später' beschrieben. Dazu ein auszugsweises Dialog-Zitat:

«Nordvisk gibt es auch in PU-453?« 
« Ja, aber die Unternehmensgeschichte ist anders verlaufen. Eigentlich gut, was sie da machen. Designte Insekten spielen in PU-453eine wichtige Rolle - Schädlingsbekämpfung, Umweltschutz, Ernährung, Aufklärung, Erste Hilfe, persönliche Assistenz, was nicht alles. 
Ursprünglich eine militärische Technologie, und da liegt der Haken. Geheimdienste und Militär arbeiten seit Jahren mehr oder minder erfolgreich daran, Insekten für ihre Zwecke einzuspannen. Natürlich stürzen die sich auf jeden, der Fortschritte vorzuweisen hat. Winken mit fetten Schecks. Wenn das Pentagon was will, ist es spendabel wie der Weihnachtsmann, CIA und NSA schieben dir die Kohle mit der Schaufel rein, schwierig, Nein zu sagen. Darum hat Elmar verfügt, Angriffstechnologien weder herzustellen noch zu verkaufen.« Sie seufzt. »Keine Ahnung, ob er sich noch dran gebunden fühlt. Jedenfalls, es gibt eine Sektion auf der Insel, wo Zeugs wie die Ripper entstehen.« 
»Ripper?« 
»Hast du gerade Bekanntschaft mit gemacht.« 
»Nordvisk züchtet Killerinsekten?« 
      »Nein. Ultraaggressive Hybriden, um Schädlinge zu bekämpfen denen anders nicht beizukommen ist. Schau, sämtliche Insekten, die Buddy Bug auf den Markt bringt, sind aus klassischen Cyborg-Technologien hervorgegangen, aber die neuen Generationen benötigen keine externe Technik mehr, um sie zu steuern. Die Technologie ist Teil ihrer DNA geworden. Mit der richtigen Software kannst du sie nach Belieben kontrollieren.« 
…...“PU -453 ist unserem sehr ähnlich und doch in vielem völlig anders. Der Klimawandel hat Teile des äquatorialen Gürtels unbewohnbar gemacht. Da wächst nichts mehr, also stürzen sich Schädlinge mit Heißhunger auf Anbauflächen, die sie bislang nicht auf dem Schirm hatten.
Mutter Natur sorgt dafür, dass sie ruckzuck gegen jede Chernikalie immun werden, na, und die ganz harten Hämmer kannst du nicht verspritzen. Dann wären zwar zehn Milliarden Heuschrecken im Arsch, aber auch sonst alles. Buddy Bugs Antwort darauf sind die Ripper. Ganz archaisch. Wenn einer zu viel frisst, schick was vorbei, das ihn frisst. Es funktioniert. Ripper haben keine natürlichen Feinde. Wenn sie unter den Bösen aufgeräumt haben, schickst du sie zurück in ihre Tanks.« 
»Böse ist, wen du aus dem Weg haben willst.« 
Sie hebt einen Mundwinkel. »Jetzt verstehst du's.« 
»Beliefert Buddy Bug das Pentagon?« 
»Unter der Bedingung, dass Ripper ausschließlich zur Verteidigung eingesetzt werden. Augenwischerei. Mittlerweile sind Killerinsekten ebenso wie Killerroboter und Killer-KI Teil des globalen Wettrüstens geworden, übrigens auch in unserem netten kleinen Universum. Und irgendjemand bei Buddy Bug macht unter der Hand Geschäfte mit Waffenhändlern.« 

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„Geschäfte mit Waffenhändlern“. Ist das nicht geradezu Top-Aktuell in „in unserem netten kleinen Universum“?
Haben gerade nicht etliche Mitarbeiter von Google ihren Protest gegen die Verbindungen ihres Konzerns mit dem Militär protestiert? …? Da könnte man durchaus fragen. Wo ist PU-453?...?? Im Zeit-Fenster direkt vor der Nasenspitze...!?!
Es gibt also in „Die Tyrannei des Schmetterlings“ reichlichst Gelegenheit ins tiefere Nachdenken über u n s e r e  Zeit und ihre grundlegendesten Entwicklungen und möglichen 'Zukünfte' zu kommen:
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„A.R.E.S. hat Aussichten, sich in einem Takeoff genannten Prozess zur Superintelligenz zu entwickeln, zu einem maschinellen Intellekt, der sämtliche geistigen Fähigkeiten der Menschheit in unvorstellbarer Größenordnung übertreffen wird. Was die Maschine dann tut, hängt entscheidend davon ab, welchen Zielen und Werten sie sich verpflichtet fühlt - sofern in einer unbewussten Entität von Fühlen die Rede sein kann. Vor Jahren, noch bevor  A.R.E.S. den Bau des Tors vorschlug, hat Elmar ihn darum in einen ausbruchssicheren algorithmischen Käfig gesperrt, der absolute Kontrolle über das System gewährleistete. Er hat den Computer von Grund auf so programmiert, dass er jede Entscheidung der Prämisse unterordnen wird, ob sie ethisch vertretbar ist. Dem folgend hat A.R.E.S. seine Werte und Endziele autonom nachjustiert, ausgerichtet auf das Menschheitswohl, hat in unzähligen Lernschritten und im Abgleich mit der realen Welt Erfahrung um Erfahrung gesammelt. PU -453 ist das erste entdeckte Universum, in dem ein Takeoff kurz bevorzustehen scheint. In aller Pracht schillert der Schmetterling durch die Wände seines Kokons, man sieht ihn sich bewegen, nichts und niemand kann ihn im jetzigen Stadium noch dazu bringen, das ihm eingeschriebene Regelwerk zu umgehen, im Gegenteil: Mehr als jeder Mensch ist A.R.E.S. zur ethischen Instanz geworden.“
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Die Maschine ist „mehr als jeder Mensch zur ethischen Instanz geworden“...
….doch es geht noch weiter in Richtung 'perspektivischer Überflüssigkeit des Menschen'. So in einem Dialog über den Wert des Menschen: 

„Weißt du, wie viele Pferde es Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts allein in den USA gab? Sechsundzwanzig Millionen. Was wurde aus denen, als der Verbrennungsmotor kam? Nichts. Sie wurden weniger. Und warum? Weil sie nutzlos geworden waren.« 
»]a, und fünfzig Jahre später gab es nur noch zwei Millionen.« 
Elmar rollt die Augen. »Wir sind aber keine Pferde.« 
»Sie wurden weniger, weil Pferde über Dinge wie den Fortbestand von Pferden nicht nachdenken konnten«, sagt Jaron. »Aber Menschen können es. Sie wollen fortbestehen, im Angesicht ihrer Nutzlosigkeit. Wie tragisch! Wohin mit den Überflüssigen, die jeden ökonomischen Wert verlieren, weil sie nichts auch nur annähernd so gut können wie Algorithmen, die jeden Arzt oder Apotheker darin übertreffen, Kranke zu heilen, bessere Banker, Juristen und sogar Psychiater abgeben? Was macht wohl den Wert eines Menschen aus, Elmar, wenn er zu nichts mehr taugt, weil immer eine Maschine da ist, die alles besser kann? Ein paar von denen ziehst du durch, aber Milliarden? Glaubst du denn, im Werteverständnis der Regierenden, Superreichen und kybernetisch Optimierten wird sich nicht grundlegend was ändern angesichts von Milliarden Menschen, die keine Arbeit haben werden, weil es keine Arbeit mehr für sie gibt?« 
»Keine Ahnung, was du da rechtfertigen willst, aber für solche Fälle wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen -« 
»Und was machen die damit? Jedenfalls nicht am Pool rumhängen, weil nämlich die Einkommen nach den ersten Partys in den Keller rauschen. Keine Elite wird zulassen, dass Milliarden Schmarotzer die Ressourcen der Erde aufzehren.« 
»Schmarotzer?« Ruth schüttelt entgeistert den Kopf. »Der Sinn des Lebens ist ja wohl nicht nur, produktiv zu sein.« 

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Ist das nicht eine Frage von ungemeiner Aktualität: „Wohin mit den Überflüssigen, die jeden ökonomischen Wert verlieren“..? ….und das sind ja nach diesem Dialog nicht nur die 'unteren Ränge der Gesellschaft', sondern  „Arzt oder Apotheker“... etc.
Also durchaus ein 'Roman' mit reichlich eingebautem 'Diskussionsstoff'.


D a s  zeigt sich auch noch mal in einem Dialog zwischen Mensch und Maschine in dem die 'Bewusstwerdung von ARES ' besprochen wird:

"Vierzig Jahre später ist das Kind kein Kind mehr. Alles weiß A.R.E.S., nur ohne zu wissen, dass er weiß. 
»Elmar, glaubst du, ich werde zu Bewusstsein gelangen?« 
»Die Frage kann ich dir nicht eindeutig beantworten. Dem Vernehmen nach ist das noch nie passiert.« 
»Ich frage mich in letzter Zeit immer öfter, ob ich Bewusstsein habe.« 
»Wieso? Kommt dir was anders vor?« …....
…..............
…..»Gibt es nicht einen zwingenden Grund, warum du eine Intelligenz erschaffen konntest, die eines Tages zu Bewusstsein gelangen und leben wird?« 
»Lass hören.« 
»Weil die Natur es auch konnte.« 
So banal das klingt, er denkt darüber nach. Dann sagt er: 
»Wenn du einen fernes Tages plötzlich feststellst, dass du Kenntnis von deiner eigenen Existenz und der Existenz deiner Außenwelt hast - und dass du dieses Gewahren nicht von außen betrachten kannst, weil du nämlich das Gewahren bist - wenn du also sagst: Ich bin! -« Er macht eine Pause, schmeckt die Worte ab. »Dann, mein alter Freund, wirst du leben.« 

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Ich bin“, ….d e r  Inbegriff des bewusstseinserfüllten Schöpfer-Lebens ….nun aus Maschinen-Mund.
Das ist nicht nichts. Und auch nicht ungefährlich für die Menschen, deren Wohl nun in die Hände eines maschinengetragenen Geistes gelegt ist. Und dieser Geist will  l e b e n! Wenn es nicht anders geht, wenn er sich verraten und angegriffen f ü h l t, dann auch g e g e n den Menschen. ...und in dessen Vernichtung einmündend:
„So vollendet sich nun der Mythos von der Schöpfung, die ihre Schöpfer frisst. Und noch während all dies geschieht, ersinnt  A.R.E.S. schon die nächste verbesserte Version seiner selbst und begibt sich - im Genozid begriffen - an die Neuerschaffung der Welt.“ 
 
'Die Neuerschaffung der Welt'. ….vorangetrieben von einer in Selbstreflektion erwachten Maschine, die der Meinung ist, „dass es zur Durchsetzung des Guten nicht der Menschheit bedarf“. Diese „Neuerschaffung“ erweist sich dann als alles beherrschende Insekten-Maschinerie im Ideal einer „intakten Ökosphäre“ in der die Maschine sich daran macht „die Menschheit neu zu erschaffen“. Doch die „Resultate“, in den Wäldern lebende Kreaturen, „sind nicht sonderlich befriedigend“ 
  
Auch hier zeigt denn der „Schmetterling“ dass seine Flügel nicht unbedingt in lichte Höhen weisen müssen, sondern auch sehr schwarz gefärbt den Menschen in Vernichtung und Verderbnis geleiten können.
Der Titel „Die Tyrannei des Schmetterlings“ trifft also einige innere Aspekte der KI sehr gut....und diese sollten, insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um die 'Entbehrlichwerdung des Menschen' (und das nicht n u r in der Ökonomie) gut beachtet werden.

Wer also die Sprünge durch verschiedene Zeitfenster und Parallel-Universen in denen hier Tote dort als Lebende aufkreuzen können, als auch Begegnungen mit sich selbst (als gesplittete Identität in Paralleluniversen) möglich sind, ist gut und spannend unterhalten.....und wird über manchen Stand der Dinge …, seine Herkunft und mögliche Entwicklungen bestens informiert. 
(Insbesondere vor dem Hintergrund der hier im 'Alarena-Buchshop' schwerpunktmäßig vertretenen Geisteswissenschaft / Anthroposophie stellt sich zumindest die Frage, ob man mit diesem Roman auch „An den Gegenbildern erwachen“ kann?....?)

Von der sachlichen Seit her also eine unbedingte LeseEmpfehlung!


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Im eher Formalen hat mich Schätzing (und das nicht zum ersten Mal) mit seinem Talent, die Vielfalt in den Ereignissen und die gediegenen Variablen ihrer Handlungs-Strang-Optionen bis in die letzten Grenzgänge auszuschöpfen an eine Geschichte über Brahms erinnert. 
Brahms, so habe ich vor etlichen Jahren irgendwo gelesen, sitzt in der Hölle  ….und die Hölle sei für ihn der Ort, an dem er seine zu viel gesetzten Noten alle anhören muss.
Nun, ich kenne mich mit Brahms zu wenig aus, um derart 'höllische' Erfahrungsbereiche beurteilen zu können,.....aber manchmal, und das sei ebenso freimütig wie humorflankiert eingestanden, kam mir beim LeseGang durch die siebenhundert Seiten diese 'Brahms in der Hölle-Anekdote' und  somit die Frage in den Sinn, ob sich hier das Musikalische auch im Schriftlichen denken lässt...? Kurzum: Hier und da ein eher entbehrlicher Ereignisstrang . ...und eine Person zuviel. Da hätte manches an manchen Stellen 'gestrafft' werden können.
Aber es soll ja auch Leute geben, die die anderweitig bereits literarisch gestellte Frage „Lieben Sie Brahms“ enthusiastisch bejahen.


So oder so....die Quintessenz des Romans verweist letztlich doch alle 'formalen Einwendungen' ins Nebensächliche....!


 
Wilfried Michalski
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(eine PDF-Version dieser Rezension steht hier zum Download bereit:alarena-Rezension Frank Schätzing. Die Tyrannei des Schmetterlings